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05.06.2007

Rock am Ring 2007 – Überleben ist alles!

Was war das für ein Wochenende? 85.000 Rockmusik-Jünger pilgern am 31. Mai 2007 zum Nürburgring, um dort eins der größten Musikfestivals unseres Landes zu erleben. Ich selbst verlasse erst kurz nach 18 Uhr die A48, um Kurs auf den Ring zu nehmen, wobei meine Fahrt nach wenigen Kilometern durch eine endlos erscheinende Schlange aus Bölkstofffrachtern abrupt gestoppt wird. Die Straße ist links und rechts von bölkstoffschwangeren Jüngern gesäumt, die sich ihre wohl verdiente Biopause gönnen. An der stetig steigenden Zahl verbrauchter Bölkstoffbüchsen, die den Straßenrand säumen, lässt sich schließen, dass ich bald an meinem Ziel sein muss. Alle paar Minuten bewegt sich die Schlange um einige Meter weiter, so dass ich knapp drei Stunden und drei mit blaulicht beleuchteten, grün-weißen Spaßverderbern später endlich die Einfahrt zum Zeltplatz passieren kann.

Ich stelle mein Auto auf der ersten freien, regennassen Wiesenfläche ab, steige auf meine alten Bundeswehrstiefel um, schnappe mir mein Zelt und mache mich auf den aussichtslosen Weg noch einen geeigneten Lagerplatz zu finden. Beim eindringen in den nebligen Dunst, der die Grenze des Zeltplatzes markiert, vernehme ich sofort diesen leckeren, appetitsteigernden Duft von Grillanzündern und der erste Gedanke der mir in den Kopf schießt ist: „Was ist das hier für ein Haufen von Schwachschwenkern!“ Kurz danach mein zweiter Gedanke: „Stand nicht in der RaR FAQ das offene Feuer verboten seien?“ Alle paar Meter dröhnen andere Geräusche aus den reichlich vorhandenen Beschallungsanlagen. Mittlerweile ist es ca. 21:30 und ich denke noch kurz drüber nach, ob es nicht vielleicht doch sinnvoller gewesen wäre früher zu kommen, bevor ich mich entschließe mein Zelt in das hohe Gras zwischen einer Baumgruppe und neben einer Gruppe recht junger RaR’ler auf C1 aufzuschlagen.

Kurze Zeit später ist mein Lager für die nächsten Tage funktionsbereit und das Tageslicht ist dem schönen Schein des Vollmonds gewichen. Nach einem Liter Flüssignahrung wird es Zeit den Tag zu beenden und mich von dem langen Arbeitstag zu erholen. Es ist mittlerweile ca. 1 Uhr. Unglücklicherweise habe ich meine luftgefüllte Isomatte kurz nach dem Aufbau mit meinem Autoschlüssel abgestochen. Die leichte Hanglage und Unebenheiten verbessern die Qualität meiner Schlafgelegenheit nicht wirklich. Hinzukommt die penetrante Beschallung der Zeltplatzterroristen, mit den sich immer wiederholenden Kostproben ihrer hervorragenden Musikausstattung, welche selbst mit Ohropax schwer zu überhören sind. Offensichtlich gibt es so etwas wie feste Ruhezeiten nicht.

Gegen 9 Uhr breche ich meine Schlafversuche ab und starte den 1. Tag von Rock am Ring mit einer Ladung Büchsenfutter und dem letzten Ei was mein Kühlschrank hergab. Weiter geht’s mit Zähneputzen - mehr Körperpflege kann ich mir Heute einfach noch nicht zumuten - und steige anschließend gleich auf Flüssignahrung um. Ein Blick in die Zeltansammlung verrät mir, das sich die Mehrheit der Amateurcamper schon sehr heimisch fühlen muss und sie die Nacht ausgiebig dazu genutzt haben ihre Reviere mit möglichst vielen Nebenprodukten ihres nächtlichen Konsumverhaltens zu verschönern. Ich besorg mir noch mein obligatorisches Armbändchen und kann mich danach doch noch dazu durch ringen die Waschmöglichkeiten nach längerem Anstehen zu testen. Danach gammel ich bis ca. 15 Uhr mehr oder weniger vor mich hin, bis es dann endlich auf den langen Fußmarsch in Richtung Festivalgelände geht.

Einfach der Masse hinter her und man kann den Eingang gar nicht verfehlen. Dort angekommen werden sämtliche Männer zuerst einer Alibi-Leibesvisitation unterzogen. Warum die Frauen nicht? Wollen die uns Männer diskriminieren? Das ist ja erstmal egal, die Hauptsache ich bin drin und schlage auch direkt den Weg zur Centerstage ein. Es ist gerade Pause und auch noch nicht wirklich viel los, könnte auch am Wetter liegen. Gleich spielt The Used und anschleißend kommen The Hives. Beides kann mich nicht wirklich begeistern. Alles ist noch ziemlich leer, nass und es regnet immer noch leicht. In der Pause wird eine Schweigeminute für die Opfer des letzten Jahres eingelegt. Jetzt kommt Billy Talent, davon hat man doch schon mal was gehört. Langsam füllt sich der große Platz vor der Centerstage. Als Muse im Anschluss läuft, fange ich an mich nach Vorne durch zu schlagen. Das klappt erstaunlich gut, obwohl die eigentlich gar nicht mal so übel sind. Jedenfalls stehe ich nach ca. 10min vorm Eingang in den vorderen Bereich. Immer wieder werden Männer in Begleitung von meinst zwei etwas kräftigeren Männern nach draußen geführt. Einmal war es auch anders herum, ein offensichtlich gut befüllter Bölkstofffan wird von zwei Kumpels Richtung Bühne geschleift. Den Ordnern war es jedenfalls egal. In der Pause komme ich dann als einer der ersten hinter den Wellenbrecher und kann mir von dort aus gemütlich Linkin Park ansehen. 1a Sicht, kein Gedränge und kein Ohropax. Na ja, was soll man machen, man gönnt sich ja sonst nix. Es ist jetzt kurz nach 23:30 Uhr, mir tut alles weh - Rücken, Füße und natürlich die Ohren. Eigentlich wollte ich mir noch Evanescence ansehen, aber die kommen erst in zwei Stunden und so lange halte ich einfach nicht mehr durch. Alles ist nass und es gibt keine Sitzmöglichkeit, zumindest keinen freien trockenen Platz. Also mach ich mich so schnell es mit meinen schmerzenden Füßen geht auf den Weg zu meiner täglichen Schlafentzugs-Therapie.

Die Stromrichtung hat sich inzwischen umgekehrt und die Ordner fangen an das Festivalgelände teilweise abzusperren. Der Weg nach C1 ist jetzt nicht nur weit, sondern auch noch stockdunkel. Ein hoch auf den Vollmond und die mit sämtlichem halbwegs brennbaren Material gefütterten Lagerfeuer. Wo auf halbem Weg verlockende Ruhe herrscht, steigt mit jedem weiteren Schritt in Richtung Zeltplatzterroristen die Geräuschkulisse. Was für ein Glück das ich zu meiner Höhle noch ein paar hundert Meter weiter muss. Der nächste Tag beginnt wie der letzte aufgehört hat; das gleiche Wetter, der gleiche Geruch, das gleiche Lied, und immer noch genau so müde. Den Urschrei beim ersten verlassen meiner Höhle kann ich mir noch gut verkneifen, erstmal frühstücken. Eier gibt’s ja keine mehr, also müssen heute zwei Portionen dieser Metall ummantelten Nahrungsquellen herhalten. Für eine ausgiebige Körperpflege bin ich heute eindeutig zu schwach. Ich muss erstmal gemütlich in meiner Höhle chillen. Dazu etwas Flüssigbrot und Schokolade mit reichlich Kakaoanteil zum genießen. So döse ich dann bis Nachmittags vor mich hin.

Ich wollte eigentlich zu 30 Seconds To Mars auf dem Festivalgelände sein, muss aber gerade feststellen, dass es dafür schon zu spät ist. Gegen 16:30 Uhr mach ich mich dann endlich auf den Weg. Das Wetter ist inzwischen besser geworden, es regnet nicht mehr. Jetzt bei Tageslicht sind auch die Auswirkungen des ausgiebigen Balzverhaltens gedopter Rockmusik-Jünger auf ihre Umwelt unverkennbar zu sehen. Als ich bei der Alternastage ankomme läuft dort gerade noch das letzte Lied von From Autumn To Ashes. Es ist noch nicht wirklich viel los, viele Leute nutzen das größtenteils abgetrocknete Gelände als willkommene Sitzmöglichkeit.

Ich schaue mich erstmal um und plötzlich springt es mir in die Augen. Zwei Meter hinter mir entdecke ich etwas, auf das ich schon mein ganzes Leben gewartet habe. Nein, nicht nur einfach eine passende Gelegenheit, sondern die Frau meiner Träume. Sie sitzt verträumt und alleine auf dem Boden, hat mittellange dunkelblonde Haare, die sie nach hinten zusammen geklammert hat. Zwei wunderschöne dunkelbraune Augen strahlen aus ihrem überaus hübschen mit Sommersprossen gesüßten Gesicht. Sie ist 160cm groß und hat eine wohl proportionierte Figur. Ihre ohnehin schon wunderschöne Nase wird noch zusätzlich von einem kleinen, grünen, in der Sonne funkelnden Stecker geziert. Sie wirkt gepflegt, nett und bekommt von mir sofort das Prädikat ‚besonderst wertvoll’. Was mach ich nun mit diesem engelsgleichen Geschöpf?

Zuerst einmal fällt mir ein, was ich heute schon alles falsch gemacht habe: Ich habe meine Springerstiefel trotz mehrmaligem Androhen nicht von dem Schlamm des gestrigen Tages befreit. Gleiches gilt für meine entfärbte, mittlerweile braun gesprenkelte Jeans. Auch T-Shirt und Jacke sind von Gestern. Heute Morgen dachte ich noch: Ist doch egal, es läuft ja jeder hier so rum. Aus meinem Gesicht sprießt ein Zwei-Tagesbart, dessen Länge sich meiner ungewaschenen Haarpracht schon verdächtig annähert, weil ich heute Morgen zu faul war mich zu rasieren. Wenigstens hab ich es geschafft mir die Zähne zu putzen, so dass ich darauf hoffen kann, dass sie nicht gleich tot umfällt, falls ich sie anspreche. Danach fällt mir ein, was ich die letzten 25 Jahre meines Lebens verdrängt habe: Ich habe überhaupt keine Ahnung wie Mann mit Engeln redet.

Was kann schon passieren? Sie fällt tot um, weil ich beim Zähneputzen heute Morgen doch nicht so gründlich war. Sie läuft schreiend weg. Oder sie versucht mich zu killen. Egal! Was auch passiert, ich hab nix zu verlieren. Also nix wie hin. Erstaunlicherweise hält sich meine Nervosität in Grenzen und es läuft nach meinem Eindruck ganz gut. Die erste Hürde ist also genommen. Sie ist wegen der Ärzte hier, wie ich - und andere 80.000 wahrscheinlich auch. Aber jetzt hören wir uns erstmal zusammen Papa Roach an, weil die gerade loslegen, es wird laut, für eine weiter Unterhaltung gibt's jetzt erstmal keine Chance mehr. Danach teilt sie mir mit, dass sie sich jetzt mit ihrer Freundin an der Centerstage treffen will, und sie los müsse. Ich frage sie, ob sie mich mitnehmen will und die Sache geht klar. Leider ist die Freundin nicht dort wo sie sein sollte, nämlich bei den Toiletten und wir laufen recht ziellos zusammen durch die Menge um sie vielleicht doch noch irgendwo zu finden. Ich kann ihr bei der Suche leider nicht helfen. Es ist jetzt 19 Uhr und Mando Diao fängt an zu spielen, es wird voller und das Gedränge dichter. Ich versuche dran zu bleiben, doch das unausweichliche passiert, wir werden getrennt. Ich versuche sie verzweifelt wieder zu finden, warte noch gute 30 Minuten vor den Toiletten, doch sie taucht nicht wieder auf. Es kommen immer mehr Leute, die Beatsteaks sollen ja auch schon bald spielen. Ich sehe es ein, sie ist weg und ich habe weder einen Namen - der hätte mir in der Situation auch wenig genutzt - noch eine Telefonnummer. DOH!

Um meine erfolgreiche Engelsaustreibung zu feiern, begieße ich die tolle Stimmung mit ausreichend Bölkstoff. Ich hör mir in ruhe die Beatsteaks an. Danach kommen noch The Smashing Pumpkins, die ne erstklassige Show abliefern. Der überschüssige Wasseranteil im Bölkstoff bahnt sich seinen Weg zurück an die freie Luft. Die Schlangen vor den Toiletten sind einfach zu lang, also entschließe ich mich, wie viele andere auch, die Start- und Zielgerade zu wässern. In den Boxen fühle ich mich zu beobachtet. Der Rasen sieht ja schließlich aus als könnte er noch etwas Wasser gebrauchen. Jetzt geht nix mehr, mein Verdauungssystem weigert sich noch mehr Bölkstoff aufzunehmen. Ich Weichei, soviel war’s doch gar nicht. Also nix wie zurück zu den gewohnten Klängen der Zeltplatzterroristen. Auf dem Weg stehen überall haufenweise grün-weißen Spaßverderber rum. Irgendetwas muss passiert sein. Aber egal, ich hab jetzt andere Sorgen.

Neuer Tag, neues Glück. Heute läuft alles besser! Nein, es ist so wie immer: Das gleiche Wetter, der gleiche Geruch, das gleiche Lied, und immer noch genau so müde. Und noch dreckiger als tags zuvor. Aber das soll sich nun ändern, ich geh in den Sanitärbereich. Es ist noch kein 12 Uhr, für die Toiletten müsste ich mich erstmal 20min anstellen, also geh ich mich zuerst waschen, dort ist fast keiner. Zum rasieren habe ich allerdings immer noch keine Lust, die Hauptsache ich fühle mich mal wieder sauber. Und anschließend dann doch noch zur Toilette, es muss einfach mal sein. Von hier Oben hat man einen super Ausblick auf die Exkremente jahrzehntelanger antiautoritärer Erziehung und unüberbrückbaren Missständen in unserem Bildungssystem. Ein wunderschöner Anblick. Na ja, ich geh erstmal zurück in meine Ecke dieser Müllkippe. Es herrscht eine allgemeine Aufbrauchstimmung. Ein Stück hinter meiner Ecke wird ein wohl ausgedientes Zelt, unter den Augen vieler friedlicher Demonstranten, als nicht ganz den neusten Umweltschutzstandards entsprechende Müllverbrennungsanlage in Betrieb genommen. Es dauert auch nur gute 20min bis radikale Müllverbrennungsgegner mit neon-gelb leuchtenden Hemdchen auftauchen und dieser Errungenschaft moderner Zivilisation ein jähes Ende bereiten. Heute ist der letzte Tag von Rock neben der Müllkippe und ich packe schon mal alles was ich heute nicht mehr brauche zusammen und trage es zu meinem Auto. Dann geht’s los.

Es ist so weit, der mit Spannung erwarte und seit langem herbei gesehnte Tag ist gekommen. Ich werde heute die Ärzte live sehen. Als ich auf dem Platz vor der Centerstage ankomme, ist es wohl kurz nach 15 Uhr, Revolverheld spielt gerade. Schade das ich den Anfang verpasst habe, jedenfalls gehe ich direkt nach Vorne. Es ist noch wenig los und ich komme ohne Verzögerung hinter den Wellenbrecher, wo ich es mir erstmal gemütlich mache. Hier liegt ein junges Mädchen auf dem Boden und schläft, als hätte es hier übernachtet. Daneben stehen zwei volle Teller mit asiatischen Nudeln. Sunrise Avenue spielt, scheinen nette Typen zu sein, diese Schweden. Oder sind die Finnen? Die Hauptsache man kann sich die Musik anhören. Ich bekomme jetzt schon Durst, und habe keine Lust wieder raus zu gehen, dazu sitze ich hier gerade zu gut. Ne Runde Flüssigbrot erscheint mir auch nicht das richtige Mittel gegen meinen Durst. Also hohl ich mir bei der Eisbitch ein Wassereis, ich halte es in diesem Fall für die beste Wahl. Als nächstes steht Good Charlotte auf dem Plan und im Anschluss kommt Velvet Revolver.

Was bin ich froh das ich meine gelben Stöpsel in den Ohren hab als Velvet Revolver los legt. Nach kurzer Zeit sitzen die ersten mit zugehaltenen Ohren gelangweilt auf dem Boden. Ich find den Bass einfach nur genial. Gleich kommt Korn. Jetzt ist Schluss mit lustig. Ein Ordner bittet uns aufzustehen, danach wird der Bereich vor der Bühne mit Korn-Jüngern geflutet. Ich bleibe ziemlich dicht hinter der Absperrung, schön zentral vor der Bühne und hoffe das sich die Schlachten möglichst weit weg von mir abspielen, so das ich in ruhe Korn sehen kann. Plötzlich entdeckt jemand, dass links oberhalb der Tribüne Bela steht. Die Menge ist am ausflippen und Bela dirigiert die Menge zu ein paar La-Olas. Dann verschwindet er auch gleich wieder, um Korn nicht die Show zu stehlen. Korn legt ne geniale Show ab, ich bin begeistert. Auch wenn ich nicht ganz vom Gerangel verschont geblieben bin.

Die Bühne wird umgebaut für den großen Auftritt, die Korn-Jünger wandern zahlreich ab. Ich nutze die Gelegenheit um mich bis auf 10m der Bühne zu nähern. Mehr geht nicht. Es wird wieder voll. Egoistische Rowdys boxen sich quasi ohne Rücksicht auf Verlauste bis an die vorderste Front durch. Als letzter kommen und als erster vorne Stehen, das ist keine guter Plan. Die Ärzte haben Verspätung, der Umbau hat sich etwas verzögert. Dann ist es so weit. Die Menge schreit auf und ein unglaubliches Gedränge geht los. Ich werde in den Massen hin und her gedrückt. Irgendwelche hirnamputierten Bölkstoff-Zombies fangen beim ersten Lied an vorn in der Menge zu poken. Ich bekomme von den Songs kaum noch was mit, weil ich mehr damit beschäftigt bin nicht hin zu fallen, als der Musik zu lauschen. Also geh ich 10m zurück, dort geht es wesentlich ruhiger zu. Die Songs und die Show sind genial und bringen die Menge zum toben. Die beste Band der Welt ist da und La-Olas werden in allen Variationen durch die drei Dirigenten initialisiert. Von Vorn nach Hinten, von Hinten nach Vorn, von Links nach Rechts, von Rechts nach Link, über die Tribüne und das Ganze dann noch mal als Sitz-La-Ola und nach Geschlechtern getrennt. Die Welle braucht fast Minuten um einmal durch die ganze Menschenmenge zu laufen. Das Ende ist kaum zu erkennen. Auch die Tribüne wird ausgiebig auf den Arm genommen. Vorne lichten sich langsam die Reihen, der Druck lässt nach. Ganze Gruppen lassen sich über die Menge Richtung Ausgang tragen. Als die Ärzte aufhören wollen kommt es zum spontanen und kollektiven Sitzstreik. Die Ärzte machen weiter. Sie haben Spaß und sie machen Fotos. Doch irgendwann muss auch die beste Show zu Ende sein. Nach fast 3 Stunden und 31 Songs verlassen sie endgültig die Bühne. Die Helden warten schon.

Völlig erschöpft stürze ich nach dieser geilen Show zum nächsten Stand um mir eine Cola zu besorgen. Ich habe seit dem Eis keine Flüssigkeit mehr zu mir nehmen können und bin total am Ende. Das gibt natürlich sofort einen Zuckerschock, bis ich zu Wir Sind Helden auf die Alternastage gelaufen bin, fühle ich mich wieder besser. Die Helden spielen schon, und zwar richtig gut. Endlich mal Musik mit Niveau und wissenschaftlichen Experimenten. Die Helden wollen herausfinden ob 50.000 springende Fans noch in einer Entfernung von 50km registriert werden können. Das synchrone Springen der Fans hat zumindest funktioniert. Die Helden sind gut drauf und die Stimmung der Fans besorgt den Rest. Leider bin ich total erschöpft, mir tun mal wieder Füße und der Rücken weh. Beim letzten Lied schlendere ich langsam Richtung Ausgang B.

Ich habe den Engel von Gestern nicht vergessen und denke, das ist die perfekte Gelegenheit die Perle unter den 84.998 Plastikimitaten wieder zu finden. Ich warte also auf dem Weg von der Alternastage zum Ausgang B und lasse die Massen an mir vorbei strömen. Die Chance sie hier zu finden, wenn sie sich auch noch die Helden angesehen hat, sollten bei ca. 30% liegen. Und was passiert? Bin ich gut oder meint es das Schicksal heute gut mit mir? Sie läuft mir tatsächlich fast über die Füße, aber sieht mich nicht. Also nix wie hinterher. Leider hat sie offensichtlich keine Zeit für mich und macht sich quasi direkt auf den Heimweg. Ich lass sie ziehen. Shit happens! Wenigstens ist meine Frage beantwortet: Ich bin gut und das Schicksal hat was gegen mich.

Nun mach ich mich dann auch mal auf den Weg Richtung Müllkippe. Mir fällt irgendwie auf das auf dem gesamten Festivalgelände nirgends Mülleimer rum stehen. Rechnet der Veranstalter hier mit der Unfähigkeit der Mülltouristen ihre Abfallprodukte an geeigneten Orten zu sammeln und spart diese lieber gleich ein? Oder werden die Abfallprodukte nur deshalb so wild zwischengelagert, weil keine geeigneten Orte eingerichtet wurden? Das hat doch irgendwas von der Frage, was zu erst da war, die Henne oder das Ei. Auf dem Rückweg in meine kleine müllfreie Zone sehe ich, dass die Müllverbrennungsindustrie offensichtlich ein enormer Wachstumsmarkt ist. Gleich nach der Schließung der ersten Müllverbrennungseinrichtung heute Mittag, wurde in der Zwischenzeit mehrere neue errichtet. Diesmal sogar ohne Demonstranten und offensichtlich voll automatisch. Oder wurde das Bedienpersonal aus Kostengründen eingespart? Ist aber auch egal, für einen Aktienkauf bin ich jetzt eh zu müde. Wir nähern uns immerhin rasant der 3 Uhr Grenze. Die Zeltplatzterroristen haben wohl auch schon recht früh abgeschissen, es ist so ruhig Heute. Aber schlafen kann ich trotzdem nicht.

Kurz vor 7 Uhr fang ich an mein Zeug einzupacken, lade mir das Zeug auf und schlendere langsam Richtung Auto. Vor meinem Auto stehen ein paar meiner grün-weißen Freunde rum. Zum Glück nicht wegen mir. Die Bande aus dem Nachbarbus hat etwas ausgefressen. Egal, ich mach mich vom Acker. Total übermüdet gebe ich noch meine fast leeren Müllsäcke ab und kassiere meine 5€ dafür. Dann bin ich weg. Und vor allem, ich habe überlebt, wie andere 84.999 auch.

Tschüss, ihr Motherfuckers!



   
 


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